Dr. Margrit Christensen ist seit über 40 Jahren Bauforscherin in Lübeck. Ihr einzigartiges Wissen über das UNESCO Weltkulturerbe Lübecker Altstadtinsel teilt Sie unteranderem als Sachbuchautorin in “Kleinhäuser in Lübeck” und “Denkmaltopographie Hansestadt Lübeck” (beide erschienen im Wachholtz Verlag).

Mit detektivischen Methoden und genauster Beobachtung geht sie den Gebäuden im Kolk Schicht für Schicht an die historische Substanz. So kommen nicht nur neue Erkenntnisse über die Geschichte des Kolks ans Licht. Vor allem wird so die Grundlage für die Sanierung der über 400 Jahre alten Häuser geschaffen. Zum Beispiel indem Stein für Stein nachvollzogen wird, wie die historischen Fassaden einst aussahen. Diese Arbeit ist im wahrsten Sinne des Wortes der Grundstein dafür, dass der Kolk durch die Sanierung sein ursprüngliches Aussehen in weiten Teilen zurückgewinnt.

TheaterFigurenMuseum: Frau Christensen, Sie sind Architektin und arbeiten als Bauforscherin in Lübeck. Was versteht man eigentlich allgemein unter dem Begriff “Bauforschung”?

Margrit Christensen: Als Bauforscher gehen wir in Häuser hinein und gucken uns an, wie deren Struktur und Baugeschichte sind. Sie müssen sich ein Haus vorstellen wie eine Zwiebel: Die jüngsten baulichen Veränderungen sehen Sie an den Fassaden und den Innenräumen. Dann beginnt die Bauforschung dieses Haus zu untersuchen und es wenn möglich Schale für Schale freizulegen, um dessen Geschichte zu untersuchen.

TFM: Was reizt Sie besonders an Ihrem Beruf?

Margrit Christensen: Dass ich wie eine Detektivin in die Häuser der Stadt hineinschauen und so die Zusammenhänge und die Geschichte der Gebäude entdecken kann.

TFM: Vor fast drei Jahren begann die Sanierung im Kolk. Erinnern Sie sich noch daran, was Ihnen durch den Kopf ging, als Sie sich die historischen Gebäude im Kolk das erste Mal vornahmen?

Margrit Christensen: Natürlich ist es sehr spannend, dass man vom Petrikrichhof die Giebel dieser vier Häuser sieht: Drei Treppengiebel und ein Haus des frühen 20. Jahrhunderts an der Ecke zur Kleinen Petersgrube. Diese Häuser in die Hand nehmen zu dürfen, dort hinein zu gehen und Stück für Stück – anfangs in ganz kleinen Bereichen – die Untersuchungen zu starten, war eine ganz große Aufgabe. Einiges wusste man bereits aus den 1990er Jahren, als damals die Gebäude des Theaterfigurenmuseums (damals “Museum für Puppentheater”) und des Figurentheaters umgebaut wurden. Über das Gebäude Kolk 18 wusste man jedoch sehr wenig. Das Haus an der Ecke zur kleinen Petersgrube ist 1936 neu errichtet worden. Neu errichtet bedeutet in diesem Fall, dass auf den Grundmauern des älteren Gebäudes etwas errichtet wurde. Herauszufinden, wie weit das Haus dabei abgetragen worden ist und wo noch historisches Mauerwerk zu finden war, das war die erste große Aufgabe.

Dazu kam noch, dass man in den Häusern Kolk 14 und 16 zusammen mit dem Restaurator kleine Flächen an den Wänden freigelegt und untersucht hat, um das Gefundene gemeinsam in einen Größeren Kontext einzuordnen. Das waren unsere ersten Schritte.

TFM: Gab es eine Fragestellung, die Sie insbesondere interessiert hat?

Margrit Christensen: Neben der Erforschung der Gebäude ging es vor allem um die Fragestellungen der Architekten und der Bauherren an das Gebäude. Wo sind denkmalgeschützte Bereiche? Welche Bereiche können freigegeben werden? Welche Bereiche haben keine so große historische Bedeutung? Das war die vorrangige Aufgabe mit dem Ziel einen Baualtersplan von sämtlichen Häusern zu erstellen und so größere Planungssicherheit zu erlangen. Das sind eigentlich immer die ersten Schritte bei der Sanierung historischer Gebäude. So gesehen sind es zweierlei Antriebe: einerseits der Forschungsdrang und andererseits die Vorbereitung der Sanierung.

TFM: Dabei geht es darum, alles Erhaltenswerte zu erhalten. Richtig?

Margrit Christensen: Selbstverständlich. Die erste Maxime ist es, möglichst wenig Einbrüche in die historische Substanz zu zu lassen.

TFM: Wie genau sieht Ihre Arbeit auf der Baustelle im Kolk aus?

Margrit Christensen: Wir hatten das große Glück, dass mit der Firma, mit der die ersten Abrissarbeiten gemacht wurden, eine sehr gute Zusammenarbeit entstand. Gemeinsam mit dem Restaurator und der Abriss-Firma konnten wir Stück für Stück die Freilegung vornehmen.

Das Haus Kolk 16 – ein sehr schmales Gebäude – ist für sich schon ein Sonderfall in Lübeck. Das kleine Haus wurde im 16. Jahrhundert auf der Grundfläche des Hofs zwischen die beiden anderen Gebäude gebaut. Man wusste zwar bereits seit 30 Jahren, dass dort wertvolle Malereien an den Wänden waren, kannte aber bisher nicht den Gesamtzusammenhang. Diese Malereien wurden vom Restaurator weiter freigelegt und der Gesamtzusammenhang aufgedeckt.

Neben floralen Motiven zeigt die Wandmalerei unter anderem Diana, Fortuna und Der Wilde Mann in Medaillons:

historischer Kolk Malerei
Die Südwand des Gebäudes Kolk 16 im Überblick
Kolk 16 Margrit Christensen
Virtuelle Retusche des Porträts des „Wilden Mann“ in einem Medaillon an der Südwand

TFM: Uns hat der Kolk bisher schon einige Male überrascht. Der schlechte Zustand der Mauern beispielsweise wurde zu einer Herausforderung, es tauchten aber auch spannende Bauelemente auf. Gab es etwas, dass Sie hier überrascht hat?

Margrit Christensen: Ich bin bereits seit 40 Jahren in Lübeck tätig. Deshalb weiß ich, dass an allen Stellen in Lübeck Überraschungen auftreten können. Zu den beiden größten Überraschungen gehört sicherlich die zum Teil doch großflächige und wertvolle Bemalung im Kolk 16.
Dazu kam außerdem, dass bei der Untersuchung der Wände im Kolk 22 Renaissance-Malereien auftauchten. Zwar in Resten, aber immerhin doch noch sichtbar.

Ansonsten musste man sich durch die Häuser an allen Elementen entlanghangeln: Wo ist historisches Mauerwerk? Wo sind historische Hölzer? Wie sind die Zusammenhänge? Wie ist die Bauabwicklung gewesen?
Dieser Prozess war mit der Untersuchung vor eineinhalb Jahren übrigens nicht abgeschlossen. Die Arbeit hat sich mit dem Baufortschritt und den Freilegungen der Maurer mitentwickelt, sodass man eigentlich bei allen Arbeiten laufend danebenstehen und Entdeckungen machen konnte. Das gilt aktuell vor allem im Bereich des unteren Mauerwerks, wo die Archäologen jetzt die Freilegung weiter nach unten vornehmen. Eine Wand ist schließlich nicht nur im oberen Bereich von Bedeutung, sondern muss am Ende mit der Archäologie verknüpft werden. Das ist mit Sicherheit eine der Arbeiten, die uns noch länger beschäftigen wird.

TFM: Welche interessanten Momente hielt diese Baustelle bisher für Sie bereit?

Margrit Christensen: Sicherlich die Bemalung der Wände im Kolk 16. Dann aber auch, dass man – als die Gerüste
später standen – steingerecht die Fassaden abwickeln konnte. Dabei konnte man genau sehen, wo Einbrüche in das historische Mauerwerk passiert sind. Das war hauptsächlich in den Erdgeschoss- Bereichen im Kolk 14 und 16, aber auch auf der Traufseite des Kolk 14 der Fall. Untersucht wurde dabei auch welcher historische Mörtel verwendet wurde und wo dieser noch vorhanden ist. Wo wurde Reparaturmörtel verwendet? Und: An welchen Stellen sind die Fassaden verändert worden? Diese sehr akribische Arbeit, dient am Ende als Grundlage für die Sanierung der Fassaden.

TFM: Was würden Sie sagen, haben wir durch die Baustelle im Kolk über den Kolk gelernt?

Margrit Christensen: Das Besondere an den Gebäuden im Kolk ist zum einen die Struktur. Das Gebäude Kolk 14 beispielsweise ist ein sehr kurzes. Normalerweise haben wir in Lübeck Giebelhäuser, die sehr tief in die Grundstücke hineinreichen.
Außerdem ist es sehr interessant, was die Archäologen in der Pagönnienstraße 1 über den Anschluss der Gebäude herausgefunden haben. Das ist etwas, das noch weiter untersucht werden muss.
Die Quellenlage zur Nutzung der Gebäude ist nicht besonders gut, sodass ich bis auf einige Eigentümer zu den Gebäuden nicht viel sagen kann.

Die Frage der ehemaligen Nutzung des schmalen Gebäudes Kolk 16 ist jedoch nach wie vor nicht geklärt. Was war das Besondere dieses Hauses mit seinen bemalten Wänden? Hier haben wir etwas sehr Interessantes, das in der Quellenlage nochmal tiefer erforscht werden muss.

Interessant ist außerdem das Gebäude Kolk 20-22, das als Gebäudetyp einen Sonderfall darstellt. Durch die Abschüssigkeit der Kleinen Petersgrube bestanden im Kellergeschoss (bzw. Erdgeschoss) bis zum Umbau 1978 mehrere Wohnungen. Dies ist auch durch Quellen belegt. Das eigentliche Erdgeschoss war vom Kolk über viele Stufen erreichbar. Ich habe ein Foto gefunden, auf dem man sehr schön das damalige Rokoko-Portal erkennen kann. Das ist ein Gebäude, dass ich so in Lübeck bisher noch nicht gesehen habe. Ein Sonderfall, der so bisher noch nicht thematisiert worden ist.

TFM: Wie geht Ihre Arbeit weiter? // Welche Aufgaben stehen in Zukunft an?

Margrit Christensen: Bei jeder Tätigkeit auf der Baustelle schaut man weiterhin nach, ob etwas Neues freigelegt wird. Der Kontakt zu den Bauherren und auch zu den Maurern ist in diesem Punkt sehr gut.
Jetzt sind es hauptsächlich die Archäologen, die am Werk sind. Unsere Arbeit ist mehr oder weniger beendet, allerdings gibt es immer noch Fragen der Bauherren, der Architekten und der Denkmalpflege, wenn sich die Planung verändert und dabei zum Beispiel Öffnungen neu geplant werden. Dann untersuchen wir, ob das dort möglich ist oder nicht.
Am Ende soll es immer eine gute Zusammenarbeit zwischen Denkmalpflege, Bauforschung und den Architekten sein.