Objekt der Woche: Die Straußenszene

von | Nov 23, 2020 | Blick ins Depot, Wissen

Bildausschnitt der Straußenszene inszeniert für die Ausstellung „Xaver Schichtls Marionetten-Varieté. Feinstes und vornehmstes Familientheater“ im Theaterfigurenmuseum Lübeck 2014 © Thorsten Wulff / TFM 2014 

Das Objekt dieser Woche ist eine Trickmarionette aus dem Varietéprogramm der großen Schausteller- und Marionettenspielerdynastie Schichtl.  

Die Straußenfigur, die laut Quellen im Jahre 1888 von Franz August Schichtl (1849-1925) geschaffen und anschließend von seinem Sohn Xaver Schichtl (1888-1965) übernommen wurde, begeisterte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Publikum mit einem völlig unerklärlichen Trick: Der Strauß legte mitten auf der Bühne ein Ei, aus dem wiederum eine Schlange sprang. 

Schon im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts gab es diesen Trick: allerdings legte damals ein Huhn das ominöse Ei. Eine Anspielung auf den Basilisken-Mythos, die aber mit der Zeit verloren gegangen sei, so Lars Rebehn, Historiker und Konservator der Puppentheatersammlung Dresden. Die Szene erhielt in der Folge einen „kolonialen Anstrich“ (Rebehn), indem das heimische Huhn zu einem Strauß wurde, einem Tier, das es zu dieser Zeit in Europa nur in den Zoos zu sehen gab. Zurückzuführen sei dies, laut Rebehn, auf die stetige Anpassung des Programm- und Figurenrepertoires an das jeweilige Zeitgeschehen.  

Anhand des Archivmaterials lässt sich nachverfolgen, dass die Szene rund um die Straußenfigur aus dem Nachlass Xaver Schichtls stets umbenannt, abgewandelt und um unterschiedliche Nebenfiguren, wie einen Clown bzw. Matrosen sowie einen ‚Fremden’/’Wilden‘ ergänzt wurde. Szenenfotos aus den Jahren 1921, 1928 und eine Videoaufnahme einer Spielvariante von 1990, machen deutlich, inwiefern die Szene auf kolonialen Rassismen und Fremdheitskonstruktionen beruht. Als Vorbild dienten vermutlich die zur damaligen Zeit medial weit verbreiteten ‚Völkerschauen‘.  

Über sogenannte ‚Völkerschau-Objekte‘, also jene Objekte, die in ihrer Provenienz mit ‚Völkerschauen‘ in all ihren Erscheinungsformen verknüpft sind, wurde unlängst im Rahmen einer Fachtagung in Lübeck diskutiert. Die Straußenszene wurde dabei als eines der Fallbeispiele für die vielfältigen Adaptionsprozesse von ‚Völkerschauen‘ herangezogen.  

Die intensive Auseinandersetzung mit den Figuren der Straußenszene – im Rahmen der Fachtagung, aber auch des virtuellen Ausstellungsprojekts „Kolonialismus und Figurentheater: Die Fäden entwirren“ hat gezeigt, wie wichtig eine historische Kontextualisierung der Sammlungsobjekte ist. Bis in das Jahr 2017 wurden die Figuren sehr einseitig und unkritisch rezipiert. Jetzt wird es höchste Zeit für eine kritische Neubewertung.

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