Verliere nicht den Kopf – Die Wahrheit über die Organisation von Sonderausstellungen

von | Sep 22, 2020 | Blick ins Depot

Im vergangenen Jahr gab es in Kooperation mit dem St. Annen Museum Lübeck eine wunderbare Sonderausstellung mit dem Titel „Ferne Welten – weite Träume“. 61 chinesische Stabfiguren, Schattenfiguren und Handpuppen unserer Sammlung wurden in dem ehemaligen Kloster gezeigt. Besonders spektakulär waren unsere Bühnen, die wir mit ausstellten: das chinesische Schultertheater, eine steckbare Stabfigurenbühne und das aus Holz geschnitzte, reich verzierte Paillou-Handpuppentheater.  

In der Ausstellung traten unsere Figuren in einen Dialog mit den großformatigen Gemälden der chinesischen Künstlerin Haiying Xu, die viele der auf den Bühnen gespielten Geschichten in zauberhafte Bilder umsetzt.  Der spektakuläre Drachentanz zur Eröffnung sowie zahlreiche Führungen, Workshops und eine Lesung von Andreas Hutzel aus dem klassischen Roman „Die Reise nach Westen“ rundeten die Sonderausstellung ab.   

Was MuseumsbesucherInnen nicht ahnen können, sind die vielfältigen Aufgaben im Depot, die im Vorfeld einer jeden Sonderausstellung notwendig sind. In einer Leihliste werden die Figuren und Objekte aufgeführt, die ausgestellt werden sollen. Finden wir alle gewünschten Objekte auf Anhieb in den Lagerkisten, ist das schon ein richtig gutes Gefühl! 

Wessen „Unterbüx” ist das? 

Dann gilt es die Figuren, von allen Seiten zu fotografieren und eine Zustandsbeschreibung zu machen. Wenn wir den Figuren unter das Gewand schauen, gibt es viel zu staunen und zu fotografieren: denn sie tragen gerne mehrere Unterröcke und Beinkleider. Jede Bekleidungsschicht will fotografiert werden. Die Aufnahmen müssen gespeichert und benannt werden, damit nachvollziehbar bleibt, wessen „Unterbüx“ auf dem Bild zu sehen ist.  

Den Zustand zu beschreiben, ist manchmal eine zähe Angelegenheit. Wie in alten Schulzeiten beim Schreiben eines Aufsatzes. Wo fange ich an und wie arbeite ich mich vor? Ganz wichtig ist die Definition von links und rechts! Wir haben uns darauf verständigt, dass wir bei Figuren die Seitenangabe wie bei Menschen vornehmen. Da weiß jeder sofort, wo die linke und rechte Seite ist. Wunderbar!  

Bei Objekten, wie zum Beispiel den chinesischen Kopfbedeckungen, ist die linke Seite, die die man links sieht, wenn das Objekt vor einem liegt. Aber was ist, wenn keiner weiß, wo vorn und hinten ist? Wie wurden die Bedeckungen getragen? Und wo ist dann links und rechts? Ganz schön knifflig! 

Jetzt nur nicht den Kopf verlieren! 

Ganz verzwackt wird es, wenn Figuren neu kombiniert werden. Bei den chinesischen Stabfiguren lassen sich die Köpfe einfach vom Rumpf trennen. Für das Figurenspiel ist das eine praktische Sache, lassen sich so Charaktere bequem wandeln.  

Aber wir haben die Figuren mit Kopf und Kragen als Ganzes erfasst! Und nun tauschten für die Sonderausstellung mehrere Figuren Kopf und Körper. Als würden wir einem Hütchenspieler genau auf die Finger schauen, wohin er mit flinken Händen die Kugel unter welchen Hut schiebt, mussten wir genau nachvollziehen, welche Figur mit welchem Kopf nun ins St. Annen Museum geschickt wurde und welcher Kopf ohne Körper im Depot blieb. Denn wir müssen die Figuren nach der Sonderausstellung ja wieder zusammensetzen, wie sie erfasst waren. 

Hauptsache wir verlieren nicht den Kopf. 

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