10 Fragen an die Malerin Haiying Xu

von | Aug 15, 2020 | Blick ins Depot, Interview

Porträtfoto von Haiying Xu © Long Teng

10 Fragen an…unsere neue Interview-Reihe auf dem Blog! Folge 1 mit Haiying Xu.

Die Malerin Haiying Xu 

Wir lernten Haiying Xu im letzten Jahr anlässlich unserer schönen gemeinsamen Ausstellung „Ferne Welten – weite Träume“ im St. Annenmuseum kennen. Aus unserer Sammlung hatten wir chinesische Theaterfiguren beigesteuert, von Haiying hingen großformatige Ölgemälde, und beides ergänzte sich großartig. Wir erinnern uns gerne an die Ausstellung und wollten daher die Malerin, die seit letztem Jahr wieder in München lebt, auf unserem Blog vorstellen: 

Theaterfiguren Museum: Liebe Haiying, du bist Malerin und schaffst vorwiegend großformatige Ölgemälde. Mit welcher Art von Figurentheater beschäftigst Du Dich? 

Haiying Xu: Ich beschäftige mich gerne mit den Figuren der Pekingoper, das habe ich schon als Kind gerne getan. Aber eine besondere Inspiration war tatsächlich der Rundgang durch euer Museum, das sind die schönsten Figuren, die ich in meinem Leben gesehen habe, die chinesischen Handpuppen und Stabfiguren. Auch die kleinen Eisenstabfiguren, mit denen wir den „Päonienpavillon“ in der Ausstellung nachgestellt haben – so etwas habe ich in China noch nie gesehen! Natürlich sind auch die Schattenfiguren eine große Inspiration. Für mich waren früher auch Kinderbücher wichtig, mit Erzählungen und Geschichten aus dem Alten China.  

TFM: Wenn Du sagst, dass diese Figuren und die Erzählungen, die im Theater dargestellt werden, dich inspirieren, wie setzt du das dann in deiner Arbeit um? Du bist ja Malerin. Welche Rolle spielt also Figurentheater in Deiner Arbeit? 

HX: Zuerst haben mich die Kostüme der Figuren inspiriert und ihr Ausdruck, die Schminkmasken usw. Aber besonders die Geschichten, die mit diesen Figuren erzählt werden, sind mir sehr nah. Als ich klein war, konnte man diese Figuren nicht so häufig sehen, ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen. Aber meine Kunst, meine Bilder haben einfach diese Struktur: es ist oft eine Landschaft, eine uralte Landschaft, die gleichzeitig das Land der Fantasie eines Kindes ist. Häufig ist in meinen Bildern ein Mädchen zu sehen, sie ist ganz allein. Und diese Fantasielandschaft wird bevölkert von Gestalten, die so aussehen wie aus der Pekingoper oder dem chinesischen Figurentheater und auch aus diesen Geschichten stammen. Das war ja die Verbindung zwischen meinen Bildern und eurer Sammlung in unserer Ausstellung letztes Jahr. 

Ausstellung Haiying Xu und Theaterfiguren Museum Lübeck
Unbekannt, Stabfigur Blaue Schlange, Peking, 1955; hinten links: Haiying Xu, Die Weiße Schlange I, 2018; hinten rechts: Haiying Xu, Schattentheater, 2019 Foto: Peer Ole Hellmann, © Fotostudio Hellmann 

TFM: Welchen Beruf haben sich Deine Eltern für Dich vorgestellt? 

HX: Meine Eltern hatten gar keine Vorstellung, aber meine Mutter hat früh bemerkt, dass ich gerne male und zeichne und hat das auch schon seit der Kindergartenzeit unterstützt und mich gefördert: obwohl es nur wenige Kinderbücher mit schönen Illustrationen gab, hat sie mir so viele wie möglich besorgt und als sie gesehen hat, dass ich auch versuche, die nachzuzeichnen, hat sie mir auch privaten Zeichenunterricht organisiert. Aber natürlich hätte sie nicht gedacht, dass ich wirklich Malerin werde.  

TFM: Welche war die beste Entscheidung in Deiner beruflichen Laufbahn? 

HX: Meine beste Entscheidung war, für das Kunststudium nach Deutschland zu kommen. Ich habe in China zuerst als Designerin gearbeitet, was zwar auch etwas mit Malen und Kunst zu tun hat, aber eben nicht so frei ist. Und irgendwann wusste ich, dass ich das nicht mein ganzes Leben machen möchte und habe mich entschieden, freie Kunst in Deutschland zu studieren. Das Studium ist hier wirklich sehr frei und das hat meine eigenen Ideen befördert und meine kreative Kraft sehr herausgefordert. Die beste Entscheidung meines Lebens! 

TFM: Für welche drei Dinge in Deinem Leben bist Du am dankbarsten? 

HX: Sehr wichtig ist für mich meine Familie, der bin ich wirklich sehr dankbar für alle Unterstützung, die ich bekommen habe. Und dann bin ich sehr dankbar für meine Kunstliebhaber, die schon ganz früh meine Bilder gekauft haben, noch während meines Studiums, und meine Entwicklung als Malerin schon lange begleiten. Über die dritte Sache muss ich noch mal nachdenken! Aber vielleicht für die Freundschaft, die ich erfahren darf, den engen Austausch mit guten Freunden. 

TFM: Wenn Du eine berühmte Persönlichkeit – egal ob lebendig oder tot – treffen dürftest: Wer wäre es und warum?  

HX: Ich würde gerne den Autor des Romans „Der Traum der roten Kammer“ treffen. (einer der vier klassischen Romane der chinesischen Kaiserzeit aus dem 18. Jahrhundert, Anm. TFM). Das ist einer der beliebtesten Romane in China, auch mein Lieblingsroman, und ich würde gerne seinen Autor, Cáo Xuěqín, treffen. In dem Roman geht es um eine sehr reiche aristokratische Familie und ihren Niedergang. Die Politik und das gesellschaftliche Leben im frühen 18. Jh. treten uns sehr anschaulich entgegen: das Haus, die Zimmer, der Garten, alles wird in feinsten Einzelheiten beschrieben. Was mir so gefällt, ist, dass der Autor das Buch aus der Perspektive eines Teenagers geschrieben hat. Der Erzähler ist ein junger Mann.

Das spricht mich sehr an, weil Künstler vielleicht auch nicht alt werden wollen, oder weil für mich dieser Blick aus der Jugendperspektive auch so wichtig ist. Aber was mich vor allem interessiert: die letzten 40 Kapitel des Romans sind verloren, und da weiß man ja nicht wirklich, wie es nun weiterging mit dieser Familie und der Liebesgeschichte des jungen Erzählers. Und deshalb wollte ich den Autor danach fragen! Und in jedem Fall will ich diese Geschichte mal zum Thema in meinen Arbeiten machen. 

TFM: Wenn Du eine Sache auf der Welt verändern dürftest: Was wäre das? 

HX: Über diese Frage habe ich lange nachgedacht: ich weiß nicht, ob es eher zu Bildung oder zu Erziehung gehört, aber in jedem Fall halte ich es für ganz wichtig, sich selbst besser kennen zu lernen. Ich glaube, dass viele Probleme dadurch entstehen, dass wir uns selbst nicht gut genug kennen, aber auch die anderen Menschen nicht. Menschenkenntnis ist so wichtig. Und das kann man nicht so voraussetzen, das muss man lernen. Dafür muss man es aber auch in der Erziehung und Bildung wichtig nehmen. Das braucht man nämlich fürs ganze Leben! 

TFM: Auf was könntest Du in Deinem Leben nicht verzichten? 

HX: Auf die Natur kann ich nicht verzichten, die Liebe zur Natur ist für mich sehr wichtig. Und dann die Neugier: Neugier auf (interessante) Menschen, auf Geschichte, auf die Welt – das ist für mich ganz zentral.  

TFM: Was macht Dir bei Deiner Arbeit am meisten Spaß? 

HX: Für meine Arbeit muss ich ja ganz viele Bücher lesen, viele Ausstellungen anschauen, die Welt entdecken, und das – diese Inspirationsphase – ist schon ein ganz großer Genuss für mich. Und wenn ich die Inspiration habe, meine Gedanken und Gefühle dann in meinen Arbeiten auszudrücken – das ist einfach großartig. Ich arbeite mit mir selbst und mit den Dingen, für die ich große Leidenschaft empfinde, – das ist es, was in meinem Leben so großen Spaß macht! 

TFM: Was wird Dein nächstes Projekt? 

HX: Letztes Jahr war ich in Dunhuang, einer alten Stadt an der Seidenstraße im Nordwesten Chinas, in der Nähe der Wüste Gobi. Sie war sehr bedeutend eine Metropole und ist dann verfallen und heute auch nicht mehr so bekannt im Westen. Damals gab es ein großes und sehr vielfältiges kulturelles Leben in der Stadt. Es gibt dort sehr wichtige Höhlen, die fast tausend Jahre ohne Unterbrechung von buddhistischen Mönchen mit wunderschönen Malereien ausgekleidet wurden (die Dunhuang-Grotten, buddhist. Höhlentempel aus dem 4. bis 12.Jh., Anm. TFM). Die finde ich hochinteressant und ich habe mich mit der Malweise und der Geschichte der Tempel beschäftigt und mit den buddhistischen Themen in den Bildern. Damit werde ich mich auf jeden Fall in meinem neuen Projekt beschäftigen und es in meinem eigenen Stil umsetzen. 

TFM: Das klingt sehr spannend! Liebe Haiying, wir danken dir für das Gespräch!  

Wer sich weiter informieren möchte: hier gibt es ein schönes Video zu unserer gemeinsamen Ausstellung letztes Jahr und dies ist die persönliche Webseite von Haiying

Ferne Welten, weite Träumen-Chinesische Theaterfiguren und die Malerei von Haiying Xu-2019 Einzelausstellung in St. Annen Museum

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